Fachkräftemangel: Attraktive Arbeitgeber sprechen über Geld

Wenn man in ein Restaurant geht und freundlich bedient wird, ist man sehr schnell bereit ein großzügiges Trinkgeld für die gute Bedienung zu zahlen. Das gilt auch für ein gutes Parfüm, für die Markenjeans, die „wie-für-einen-selbst-geschnitten“ liegt, für ein schönes Kleid, für einen guten Kaffee aus einer Rösterei, für ein Wochenende in einem Wellnesshotel …. und, und, und…. Wenn man zufrieden ist, zahlt man gerne mehr. „Man gönnt sich ja sonst nix“ – doch irgendwo muss das Geld auch her.

“Eine Sternekoch-Leistung bekommt man nicht in einem Fast-Food-Restaurant”

Wenn kein Geld zur Verfügung steht, muss das Wellnesshotel einem „Low-Budget“- Hotel weichen und auf Parfüm oder eine neue Jeans muss ebenfalls verzichtet werden. Auch werden wir keinem Gärtner, keinem Maler oder keinem anderen Fachwerker einen Auftrag erteilen, wenn wir sie nicht bezahlen können. Bezahlen wir für ein “Basis-Leistungs-Paket”, können wir kein attraktives “Rundum-Premium-Leistungs-Paket” erwarten. Ein Premium-Paket gratis gibt es höchstens als Kennenlernangebot, damit man auf den Geschmack kommt und weiß was einem entgeht, wenn man es anschließend nicht bucht.

Auch Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern ihre fachlichen Zusatzqualifikationen nicht vergüten und ihre Mitarbeiter nicht leistungsgerecht bezahlen können, werden schlecht Mitarbeiter finden, die dauerhaft Außerordentliches leisten wollen. Mitarbeiter sind Dienstleister, die für das “Premium-Paket” auch einen attraktiven Arbeitsplatz mit entsprechender Vergütung erwarten dürfen. Erfüllung, Entwicklung, Sinnstiftung und positive Emotionen im Job sind sehr wichtig, aber die Bezahlung muss auch stimmen. 

„Über Geld spricht man nicht?“

Gehalt ist eine Form von Feedback: Eine monetäre Wertschätzung. Geld ist nicht der einzige Motivator, dennoch ein sehr bedeutsamer. Stellenanzeigen sind eine Art „Verkaufsanzeigen“ und müssen dem potenziellen Bewerber attraktiv erscheinen. Ein Bewerber möchte gerne im Voraus wissen: „Welchen Nutzen habe ich, wenn ich mich in diesem Unternehmen bewerbe?“. Arbeitgeber sollten deshalb schon in ihren Stellenanzeigen angeben, was Bewerber gehaltlich in dem ausgeschriebenen Job erwarten dürfen und welche Benefits ihnen angeboten werden (z.B. BGM, flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung etc.). „Wir bieten eine übertarifliche Bezahlung“ ist eine sehr vage Angabe: Es ist ein Unterschied, ob es sich um ein Plus von 1,2 % oder 25% handelt. 

Karrierewebsite ist ein Recruitinginstrument

Laut einer Umfrage* empfindet ein Großteil der Bewerber es als unfair den Gehaltswunsch angeben zu müssen, ohne das Angebot des Arbeitgebers vorher zu kennen. Chefs und Personaler hätten es nämlich gerne, dass die Kandidaten alle ihre „Karten offen legen“, damit sie sich überlegen können, ob sich ein Gespräch mit dem jeweiligen Bewerber lohnt, sich selbst in die „Karten schauen lassen“ möchten sie jedoch nicht. Viele kleine Unternehmen haben nicht einmal eine Karrierewebseite, auf der sich der Bewerber über Zusatzleistungen informieren kann. Sie präsentieren die Leistungen für ihre Kunden im Netz, aber nicht die für ihre (potenziellen) Mitarbeiter. 

Man spricht vom Fachkräftemangel, ohne sich sichtbar um die Fachkräfte zu bemühen: “Es kann ja nur einen König geben und das ist der Kunde! ” Fehlt das Personal, wird es aber auch irgendwann keine königliche Audienz mehr geben.

Schwerer Aufstieg über die Niedriglohnschwelle

Die Niedriglohnschwelle liegt den Medienberichten zufolge bei 2203 € Bruttogehalt pro Monat. Berufe in denen man diese Schwelle entweder gar nicht oder erst nach vielen Jahren der Vollzeitbeschäftigung  erreicht, sind finanziell nicht attraktiv. Und noch weniger, wenn es in diesen Berufen so gut wie keine Aussicht auf einen Aufstieg gibt. Auch dann nicht, wenn man sich stetig weiterbildet. Die Zusatzqualifikation der Bewerber ist lediglich ein Sahnehäubchen in der Bewerbung, auf welches viele Chefs sogar gerne verzichten würden. Die Sorge ist groß, dass der Mitarbeiter ein kreativer Querdenker sein könnte, der die altbewährten Strukturen hinterfragt. Man verzichtet ja gerne auf den Energiegehalt der Sahne. Und wenn man den Geschmack nicht kennt, wird man ihn auch nie vermissen … und immerhin spart man auch ein Euro.

Keine bessere Bezahlung und keine Aufstiegschancen trotz Zusatzqualifikation (?)

Angehörige der Berufsgruppen, deren tarifliche Vergütung nicht weit vom Mindestlohn entfernt ist und die Tarife keine Höhergruppierung bei Zusatzqualifikationen vorsieht, sind für eine auch noch so geringe finanzielle Anerkennung für ein unermüdliches Engagement dankbar. Es ist alles andere als das Streben nach Reichtum! Es geht um die Sicherung der Grundbedürfnisse, um ein gewöhnliches „über die Runden kommen können“.  

Dass der Nachwuchs -und Fachkräftemangel knapp entlohnte Berufe trifft, dürfte eigentlich nicht wundern: Man lebt nicht nur von der “Liebe zum Beruf” allein. Ein dauerhaft eingeschränkter Handlungsspielraum, sehr hohe Anforderungen, mentaler Stress, starre Arbeitszeiten, steile Hierarchien, keine Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten in solchen Jobs machen bei knapper Entlohnung aus der Leidenschaft schließlich einen Dienst nach Vorschrift. Auch der starke Nachwuchs bleibt aus: Top-Abiturienten entscheiden sich direkt für ein Studium, statt einer Ausbildung nachzugehen, die keine Karriere ermöglicht. 

“Zwischenstopp in einem Low-Budget-Hotel”: Auf der Suche nach dem perfekten Arbeitgeber

Der Dienst nach Vorschrift ist wie das Service im Low-Budget-Hotel: Sauberes Zimmer, Badezimmer mit Dusche, Check-In am Terminal und Instantkaffee aus dem Münz-Automaten im Flur. Irgendwie ist alles da, ideal für ein Zwischenstopp auf einer Reise, aber kein Traumhotel, in dem man am liebsten lange bleiben würde. Weder bleiben die Gäste gerne auf Dauer hier, noch die Mitarbeiter. Ein Hotel wie jedes andere, ein Job wie jeder andere. Nichts was die positiven Emotionen erweckt: Man ist immer bereit weiter zu ziehen, sobald sich etwas Besseres in Aussicht stellt.

Leistungsorientierte Bezahlung 

Wer als Arbeitgeber mit Authentizität, Zuverlässigkeit, Fürsorge und Fairness Menschen von sich überzeugen kann, hat schon sehr viel richtig gemacht, denn ausschließlich mit Geld werden gute Bewerber nicht gelockt und die Top-Mitarbeiter nicht sicher gebunden. Auf Dauer reichen jedoch die positiven Emotionen, die man in dem Job empfindet, nicht aus, um unermüdlich auf Hochtouren extraordinäre Arbeit zum Niedriglohn zu leisten: Geld ist zwar nicht alles, aber ohne Geld geht es ja auch nicht. Und im Endeffekt wird der Mitarbeiter irgendwann seine Energie in ein anderes Herzensprojekt reinstecken, im Job auf den „Energiesparmodus“ umschalten oder sich möglicherweise sogar neu orientieren. 

 14. Januar 2020

Fachbeitrag:

„Mit einem schlüssigen Gesamtkonzept gegen den Personalmangel: Wie Sie für Bewerber sichtbar werden“. AWA-Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker, 02/2020, S. 12-13. (erscheint am 15.01.2020)

Zur Website: AWA-Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker

Weiterführende Quellen:

*„Mehr Transparenz wagen: Gehalt im Bewerbungsprozess“ 2019. Umfrage des Personaldienstleisters Softgarden. www.softgarden.de/studien

“Gehalt, Karriere, Attraktion, Fluktuation- Hard und Soft Facts aus der Marktforschung.” Gehaltsstudie 2019 | Marktforschung 

Zur Website: Marktforschung.de